Ungebetene Gäste

Und plötzlich bedroht uns eine unsichtbare Macht, reglementiert unser Dasein, beeinflusst unseren Alltag. 

Ein Virus, für das menschliche Auge unsichtbar und dennoch eine massive gesundheitliche Bedrohung für Körper und Geist.


Oft frage ich mich, wenn sich die Gefühle etwas Unsichtbarem gegenüber bereits so intensiv entwickeln, warum scheinen wir nicht ähnlich zu fühlen, im Bereich der sichtbaren Bedrohungen?

Klimawandel, Umweltverschmutzung, Lebensmittelskandale, diese Aufzählung könnte noch sehr ausufernd fortgesetzt werden. All diese Bedrohungen sind doch seit Jahren so sichtbar und dennoch scheinen große Teile der Bevölkerung in dieser Hinsicht völlig abgestumpft zu sein, empfinden die Extreme der letzten Jahre für sich persönlich nicht bedrohlich.

Erfreulich empfand ich zunächst, dass ich im März einen kleinen Wandel wahrnehmen konnte. 

Insbesondere die ungewohnte, anfängliche Zeit der starken Einschränkungen des täglichen Lebens, hielt viele Menschen dazu an, ihrem Alltag eine neue Struktur zu geben, den Blick auf etwas zu richten, das ihnen Raum gab, sich frei zu fühlen.

So tauchten einige in neue, erfüllende Bereiche ein und auch ab.

Viele zog es in die frühlingserwachende Natur.

Weniger Fahrten mit dem Auto, mehr Spaziergänge im Freien.

Fotos von Feldern, Wäldern und Weite zogen sich durch die mediale Welt.

Es schien als wolle jeder zeigen, wie unendlich frei es sich anfühlt in der Natur unterwegs zu sein.

Dieses Gefühl liebe ich im Übrigen auch sehr. Für mich fühlen sich die regelmäßigen Besuche im Wald an wie kleine, erholsame Urlaube.

Tief durchatmen, die präzise und detailverliebte Schöpfung bestaunen und sich von seinem Alltagsstress zurückziehen.

Tage im Wald lassen mich Energie tanken und machen mich so dankbar und glücklich.

Man könnte sagen, der Wald sei doch Rückzugsort für alle Lebewesen und doch haben wir Menschen uns eine andere Behausung zum Leben ausgewählt. 

In unseren Häusern und Wohnungen sind Pflanzen und Tiere geduldete Besucher.

Vielleicht sind wir Menschen genau das auch (nur), wenn wir den Lebensraum wilder Tiere und Pflanzen betreten, deren geduldete Besucher.

Wie bereits gesagt erfreute mich der neu erworbene, intensive Blick auf die Natur, der sich bei vielen Menschen entwickelt zu haben schien.

Leider nehmen sich nicht alle Menschen als Besucher der Natur wahr, fallen ein in diese Welt als sei es ihre eigene und zerstören damit autarke, kleine Ökosysteme.

Der Wald ist vielleicht auch für uns ein Rückzugsort aber er gehört uns nicht.

Als Gast nehme ich Rücksicht auf des anderen Wohnraum, verlasse den Ort genau so, wie ich ihn vorgefunden habe.

Wenn unsere Gäste zu Hause unseren Wohnraum verändern oder zerstören und mit ihrem Müll verschmutzen würden, was würden wir dann sagen?