Oh Schreck ein Schneck


"Schau mal, Jasmin! Das ist Prinzessin Sophia die Erste!" sagte eines meiner 6-jährigen Kita-Mädels und blickte zutiefst verliebt auf die sich kringelnde Assel, die sich auf ihrer erdigen Handfläche befand.
Ich sammelte all meine Theaterkunst, atmete tief durch, lächelte so erfreut wie möglich und zeigte Interesse an dem anscheinend royalen Tierchen, obwohl sich in meinem Inneren ein leichter Ekel auftat.
Zugegebenermaßen sind Krabbeltierchen nicht so mein Fall, selbst der Anblick löst in mir ein leichtes, kribbeliges Unbehagen aus.


Dieses Gefühl sollte ich als Erwachsener einem Kind gegenüber so wenig sichtbar werden lassen, wie möglich.
Manchmal stellt diese Aufgabe eine große Herausforderung dar und doch lohnt es sich den Kontakt zur Natur nicht mit den eigenen, oft eher negativen Gefühlen zu überschatten.


Kinder sind neugierig, Kinder sind vorurteilslos, Kinder sehen die Schönheit in den kleinen Dingen und lassen sich davon verzaubern.


In einer Zeit, in der die Kindheit überflutet ist von Farben und digitalen Reizen sind Ausflüge in die Natur ein wichtiger Ausgleich.
Bei manchen ganztags betreuten Kindern macht es den Anschein als käme der Kontakt mit heimischen Pflanzen und Krabbeltieren nur im Rahmen des Kitaprogrammes zustande.
Der Wald als völliger Kontrast zum Indoor-Alltag ist für manche Kinder und auch Erwachsene eine befremdliche Umgebung.
Wie auf einem fremden Planeten gelandet steht der ein oder andere da, völlig gehemmt einen Schritt zu wagen oder etwas zu berühren.
Genau diese Berührung ist jedoch elementar und prägt die Beziehung zur Natur für das gesamte Leben.


Wir schützen in erster Linie was wir kennen und womit wir positive Erfahrungen verbinden.


Ich habe mir daher auch angewöhnt, meinem aufkommenden Krabbeltierekel mit sehr sachlichem Interesse entgegen zu wirken. Ich frage beispielsweise wo genau das Kind das Tier gefunden hat und gemeinsam blättern wir später im Naturführer, ob dies der übliche Lebensraum des Tieres ist und schauen uns weitere Besonderheiten an.
Dieses echte Interesse soll sich zu einer Wertschätzung entwickeln und dabei helfen, die Augen zu öffnen wenn wir die Natur entdecken.

Vor der Erkundung des Waldes an unseren Kita-Waldtagen werden kurz die Regeln besprochen. Wichtig ist mir vor allem der Hinweis, dass wir nur Gäste des Waldes sind und diese Umgebung so verlassen, wie wir sie vorfinden.
Mit dem Status "Gast" soll vor allem eine erhöhte Rücksichtnahme auf die Umgebung angesprochen werden.

Als Gast rupfe ich keine Pflanzen aus der Erde und gebe Acht auf die Tiere, die hier leben und mich in ihrem Zuhause dulden.

Der Erwachsene muss die getroffenen Verhaltensvereinbarungen selbstverständlich auch einhalten. Hier wird schnell deutlich, wie wichtig einem selbst der Umgang mit der Natur ist. Außerdem beobachte ich so auch vermehrt, welchen Einfluss meine Vorbildrolle auf die Kinder hat.

 

Letztens habe ich mich sehr darüber geärgert, dass unsere Picknickstelle von Müll übersät war und habe alles aufgesammelt und in den Müllbehälter geschmissen.
Von diesem Moment an hatte ich eine Horde "Umweltpolizisten" an meiner Seite, die jedes noch so kleine Papierchen aus enormer Entfernung orten konnten und dann selbst meine eigene Empörung spiegelten.


Es hat mich gefreut, dass die Kinder an diesem Tag so aufmerksam wurden auf die Verschmutzung unseres Waldes.


Und wenn dann innerlich ein kleines Gefühl von Stolz ansteigt und sich ein zuversichtliches Lächeln für gelungenes Umweltbewusstsein als Erzieherin ins Gesicht malen will, ja genau dann steht natürlich ein Kind vor mir und hält mir eine Schnecke entgegen.


"Sieh mal, Jasmin, diese Schnecke kann zaubern...sie macht eine Spur aus Glitzer!"

Äh ja...niedliches Tierchen, schluck!