Sprich die Wahrheit...



Mein Name ist Jasmin, ich bin 36 Jahre alt und ich lüge.
Jeden Tag!
Auch wenn meine kleinen Lügen des Alltags weder mit böser Absicht noch bewusst ausgesprochen werden, so häufen sie sich doch wenn ich intensiv darüber nachdenke.

Ich frage zum Beispiel im Vorbeigehen "Hey! Wie geht es dir?" obwohl ich im Grunde keine Zeit hätte, eine längere Antwort abzuwarten. Erleichtert höre ich ein "Ganz gut!" und flitze erleichtert weiter.
Wie ehrlich ist diese Frage dann gemeint?
Ich werde gefragt, ob ich spontan am Nachmittag aushelfen kann. "Kein Problem!" lautet meine Antwort, während ich zeitgleich meine Pläne für den Nachmittag über den Haufen werfe und kurz darauf einen Termin verschiebe. Kein Problem also...
Was wäre zum Beispiel, wenn ich auf die Frage "Fandest du den Film nicht auch so gelungen? Ich glaube er wird einer meiner Lieblingsfilme." ganz ehrlich antworten würde "Oh, ich habe mich dermaßen gelangweilt, die Story war lahm und die Effekte lachhaft."
Ich hätte Angst, mein Gegenüber mit einer ehrlichen Aussage zu verletzen, nehme die einfache Lösung in Form einer Halbwahrheit.
Ist das aber schon "lügen" oder habe ich einfach nur gut die Kurve gekriegt und die Situation gerettet?
Jeden Tag gibt es Situationen, in denen ich moralisch schwanken könnte zwischen Lüge oder Rettung.
Gibt es gute Lügen und schlechte Lügen?
Eigentlich will ich aufrichtig sein und ehrlich und das erwarte ich auch von anderen.
Warum ist es dann so schwer bei der Wahrheit zu bleiben?

Die Frage nach der Wahrheit beschäftigt die Menschheit schon sehr lange.
In der griechischen Philosophie beispielsweise beschreibt Platon in seinem Höhlengleichnis, dass die Wahrheit des Einen vielleicht nur ein Schattenwurf der tatsächlichen Wahrheit sein kann.
Ist die gänzliche Wahrheit also nur eine Illusion, da sie jeder auf seine eigene Weise interpretiert? Sind wir überhaupt in der Lage die Wahrheit zu sehen und demzufolge auch zu sagen?

Vielleicht ist es hier tatsächlich schlauer die Negation zu verwenden.
Du sollst nicht lügen!
Lügen ist meiner Ansicht nach eine bewusste Handlung.
Jemandem absichtlich die Unwahrheit sagen, um selbst daraus einen Vorteil zu ziehen, bringt diese Waage von Vertrauen und Gutgläubigkeit mächtig ins wanken.
Schließlich können wir nur zu ehrlichen Menschen Vertrauen aufbauen und jeder weiß, wie es sich anfühlt, wenn eine vermeintlich vertrauenswürdige Person ebendieses missbraucht.
Es dauert lange, bis diese Vertrauensebene wieder erreicht ist, in manchen Fällen gelingt es gar nicht.
Ist eine Lüge einen Vertrauensbruch, also diese Konsequenz wert?
Auch wenn viele Lügen nicht ausgesprochen werden um den Anderen zu verletzen, so ist eine wahre Antwort am Ende doch die Sinnvollste.
Natürlich werde ich jetzt nicht Jedem die Wahrheit um die Ohren knallen, ohne Rücksicht auf Verluste, das hilft uns ja auch nicht weiter.
Trotzdem werde ich die Zeit nutzen, auch in meinem Leben die Notbremse zu ziehen und über Wahrheit und Lüge in meinem Alltag nachdenken, in der Hoffnung das daraus eine gute Veränderung entsteht.
Oft bleibt es nämlich nicht bei einer kleinen Lüge, manche scheinen sich in einem Netz aus Lügen selbst zu verstricken und finden den Weg zur Ehrlichkeit nicht mehr.
Damit es so weit gar nicht erst kommt, sollten wir uns angewöhnen, unsere Handlungen zu überdenken.

Die Fastenzeit ist eine Zeit der Reflexion und der Hoffnung.
Ich persönlich habe mehr davon, einem Impuls zu folgen und daraus für meine Lebenssituation einen neuen und vor allem guten Weg zu finden, als beispielsweise 40 Tage auf Süßigkeiten zu verzichten.

Fasten ist keine leichte Sache, die mal eben nebenbei passiert.
Fasten erfordert die Bereitschaft, sich mit seinem Verhalten auseinander zu setzen.
Darüber hinaus macht fasten für mich nur Sinn, wenn ich somit zu einer positiven Umkehr gelange, die ein Verhalten entweder festigt oder ändert.
"Sieben Wochen ohne Lügen" der Fastenimpuls der EKD für die diesjährige Fastenzeit vor Ostern klingt im ersten Moment recht leicht umsetzbar, bereits nach wenigen Tagen aber beginne ich den großen Berg zu sehen, der noch erklommen werden will.

Ich bin gespannt auf eine gedankliche Reise und bin überzeugt:


"Die Wahrheit ist irgendwo da draußen..."