Harry Potter und die verschwundenen Tickets

Als ich in die Geschenktasche blickte und kurz darauf den goldenen Schnatz in den Händen hielt, durchzog mich ein kribbeliges Gefühl und sofort tauchte ich gedanklich nach Hogwarts ab.
Harry Potter, der goldene Schnatz, Hogwarts-all diese Begriffe machen einen großen Teil meiner Teeniezeit aus, in der ich die Romane von J.K.Rowling nahezu in mich einsog.
Die Geschichte eines Jungen der, gezeichnet durch die Ungerechtigkeit in der er aufwächst, durch Zuversicht und innere Stärke seine Ängste besiegt und zum Helden wird.

Der goldene Schnatz, eine Trophäe von großer Bedeutung, denn er war für mich die Einladung nach Potsdam in die Harry Potter Ausstellung.


Sehnsüchtig wartete ich auf den großen Tag, der gefühlt immer großartiger werden sollte, denn wir nutzten die Gunst der Stunde und planten ein zauberhaftes Mädelswochenende in Berlin.
Am Berliner Hauptbahnhof angekommen stiegen wir in den Bus Richtung Hotel und unter uns gesagt, hätte der Busfahrer auch Stan Shunpike aus dem fahrenden Ritter sein können.
Umringt von unserem Gepäck standen wir im Bus, der sich rasant und geschickt links und rechts durch den Berliner Stadtverkehr schlängelte.

Samstag früh war es dann endlich so weit, wir fuhren gedankenversunken nach Potsdam, in uns das prickelnde Gefühl der Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis.
Am Filmpark Babelsberg erlebten wir dann die böse Überraschung:

Harry Potter the Exhibition
Heute ausverkauft!

Die Schlange am Kassenhäuschen war lang und jedem, der sich mit der Frage nach einem möglichen Ticket für den Tag näherte, wurden dementorähnlich alle Hoffnungen geraubt.
Auch wir hatten keine Chance und in mir brach nach und nach die Freude in sich zusammen und es wurde leer in meinem Herzen.
Ich konnte und ich wollte die Hoffnung noch nicht aufgeben und auf dem Weg Richtung Parkplatz durchsuchte ich die mobilen Kleinanzeigen.
Tatsächlich...eine Anzeige für zwei Tickets am selben Nachmittag könnten unsere Rettung sein.
Ich nahm all meinen Mut zusammen, wählte die Nummer und sprach kurz mit der Inserentin. Die Tickets waren noch zu haben, es befanden sich jedoch die Namen der ursprünglichen Käuferinnen auf dem Voucher, den sie mir netterweise unverbindlich per E-Mail zusandte.
Den Versuch war es wert und ich reihte mich ein weiteres Mal in die Schlange am Kassenhäuschen ein.
Ich erklärte kurz, dass im E-Mailfach meines Smartphones ein Voucher sei und fragte nach einer eventuellen Übertragbarkeit der Tickets. Verwundert darüber, dass wir anscheinend so schnell Tickets auftreiben konnten, blickte die Mitarbeiterin des Filmparks ungläubig auf die von mir geöffnete E-Mail.
Sie bräuchte den Ausdruck des Vouchers, dann könnten wir die Tickets haben.


12.00 Uhr...seit gut einer Stunde waren wir bereits am Filmpark.

Nun standen wir vor einer kleinen aber lösbaren Aufgabe. Wo könnten wir ein Büro oder Hotel finden, um meine E-Mail auszudrucken?
Wie durch eine gewollte Fügung standen wir bei unseren Überlegungen direkt vor einem Wegweiser zu einem Drogeriemarkt.
Mit triumphierendem Blick eilten wir am Kassenhäuschen vorbei und druckten den Screenshot des Vouchers für 3 Euro am Fotoautomaten in A4 auf Fotopapier aus.

Ich war so erleichtert, ich schwebte förmlich getragen von dieser inneren Hoffnung zurück zum Kassenhäuschen. Ein weiteres Mal stellte ich mich an und konnte es kaum erwarten, endlich die Tickets in den Händen zu halten.
Ich war an der Reihe und trat zum Fenster, man bemerkte sich kurz, schließlich kannte man sich bereits. Voller Stolz hielt ich nun den Voucher entgegen und wartete auf die Tickets.
Die Mine der Mitarbeiterin wurde immer ernster und schließlich sagte sie: "Es tut mir leid, ich kann euch keine Tickets geben. Die Namen der Käuferin stehen nicht auf der Liste, womöglich wurden die Tickets storniert."

Bäm-der Kuss des Dementors!

Er traf mich plötzlich und unerwartet. Aus der Traum von Harry Potter. Völlig niedergeschlagen und mittlerweile auch durchgefroren, setzten wir uns in ein Café.
Während wir versuchten den Tag zu retten, indem wir andere Pläne schmiedeten, ließ mir diese ganze Aktion keine Ruhe.
Ich rief die Verkäuferin noch einmal an, um zu erfahren, dass sie weder eine Stornierung vorgenommen hatte noch die Tickets zugesandt bekam. Auch sie erhielt lediglich den Voucher, den sie uns zuvor weitergeleitet hatte.
Ich verfiel in Grübeln.
Ein letztes Mal wollte ich es versuchen.
Vielleicht wurde der Name auf der Liste übersehen oder es gibt eine andere Erklärung.

Ich ging also ein letztes Mal zum Kassenhäuschen, stellte mich erneut an und stand dann zwei Frauen gegenüber. Die bekannte Mitarbeiterin stand hinter ihrer Chefin.
Es war mir sehr unangenehm noch einmal dort zu stehen, fragte aber höflich, ob sie noch ein letztes Mal nachsehen könne, ob der Voucher wirklich ungültig sein.
Das Eintippen der Daten dauerte gefühlt eine Ewigkeit, ich hatte kaum noch Hoffnung und dann sagte die Frau "Hartnäckigkeit scheint sich auszuzahlen!" Und übergab mir die zwei Tickets.

Ich konnte das gar nicht fassen, schaute auf die Tickets und wurde mitgerissen von einer großen Welle von Glück und Freude.
Am Liebsten wäre ich in dieses Kassenhäuschen gesprungen und hätte beide Frauen umarmt.
Aber...Kontenance bewahren, um die Ecke sprinten und meiner Freundin kreischend in die Arme springen.
Wow...was für ein Abenteuer! Wir verbrachten den ganzen Tag am Filmpark Babelsberg, waren glücklich, traurig, enttäuscht, hoffnungsvoll und letztlich völlig überladen von all den Gefühlen. Es hätte auch anders ausgehen können, aber wir hatten anscheinend das Glück auf unserer Seite.

 


Allen, die sich diese Odyssee ersparen wollen, rate ich dringlich, sich rechtzeitig Tickets zu reservieren.

An diesem Samstag in Babelsberg habe ich viel über mich selbst gelernt.
Wo ich ja eigentlich eher introvertiert und gehemmt bin, entwickelte ich an diesem Tag die Stärke und wuchs über mich hinaus.
Wenn man sich etwas so sehr wünscht, wie wir zwei, dann passiert hin und wieder ein kleiner Zauber.

Wer jetzt noch wissen möchte, wie die Ausstellung war, dem sei gesagt:
Alle Mühe und Anstrengungen haben sich gelohnt.
Wer sich in der Welt von Harry Potter auskennt, der erlebt einen wahren Rausch und taucht mal eben mitten in Babelsberg ein in eine zauberhafte Reise voller Magie und Erinnerungen.

Aber das muss man schon selbst gesehen haben...

 

An dieser Stelle möchte ich mich zunächst bei der Kleinanzeigen Inserentin bedanken, die das ganze auf und ab unserer Gefühle miterleben konnte. Ohne die Tickets hätten wir unverrichteter Dinge wieder zurückfahren müssen.

Ein weiterer Dank gilt der Mitarbeiterin am Kassenhäuschen. Danke, für die geduldige und ruhige Art jedes einzelne Mal, dass wir aufeinandertrafen an dem Tag.