Eine Liebeserklärung an den Herbst

 

Viele von uns leben auf der Überholspur und das Leben mit all seinen Facetten rauscht nur so an uns vorbei, ohne dass wir einmal nach rechts und links geschaut haben.

Nun brauche ich an dieser Stelle nicht erwähnen, dass das Ergebnis eines so gestalteten Lebensplans in der Regel zu einem erhöhten Stresslevel führt.

"Haltet an, lebt bewusster im Hier und Jetzt!" sind weise Ratschläge, die ich bereits zur Genüge hörte.

Zum Anhalten gehört für mich zur Zeit allerdings eher das Vorbeigehen. Mir scheint, als wolle der Einzelhandel meinen geliebten Herbst madig machen, mit all dem verfrühten Hype um Weihnachten.

Ich selbst habe einen sehr starken Willen entwickelt und sträube mich sehr, den Herbst auf diese Art und Weise zu verkürzen.

 

"Alles zu seiner Zeit" heißt es und ich finde genau hier knüpft sich der Rat der Entschleunigung direkt an.

Eine Entschleunigung ist ein sehr aktiver Prozess, in dem der Mensch bewusst auf das Bremspedal tritt, seinen schmerzenden Körper streckt und endlich wieder den Blick auf sich selbst lenkt.

"Alles zu seiner Zeit" heißt für mich, die Gegenwart zu genießen und Frieden damit zu schließen, was jetzt ist.

Wir scheinen dieses Gespür dafür zu verlieren, wollen schneller sein und überstürzen auf diese Art und Weise.

Die emotional so positiv beladene Adventszeit soll so lang wie möglich werden. Schade eigentlich, denn das Jetzt hat sehr viel zu bieten und es lohnt sich, ihm eine Chance zu geben, denn wer weiß, vielleicht gewinnt das Jetzt auch einen Platz in deinem Herzen?

 

Es gibt diesen einen Tag im Jahr, an dem ich meine kuscheligen Pullover hervorhole und mich genüsslich hineinhülle.

Eine Tasse Tee in der Hand beginne ich wie automatisch zu strahlen, denn ich liebe ihn, diesen Tag, der den Herbst ankündigt.

Natürlich ist es mit diesem einen Tag noch lange nicht getan, der komplette Herbst in seiner Fülle zieht mich vollends in seinen Bann., sodass im Laufe der Zeit eine Sehnsucht nach dieser inneren Zufriedenheit entstanden ist, die mir der Herbst in jedem Jahr schenkt.

 

Insbesondere die letzten Sommer waren für mich persönlich zu heiß, zu trocken, zu extrem.  

Vielleicht bin ich einfach nicht sommergeeignet oder vielleicht bin ich einfach so sehr hingezogen von meiner großen Liebe zum Herbst.

 

Wie kann man ihn auch nicht lieben? Selbstbewusst kleidet er sich in die leuchtendsten Farben. Ein Meer aus gelb, orange und rot trifft genau in mein Herz und lässt mich jeden Tag staunen.

Das täglich stattfindende, einzigartige Schauspiel hinterlässt einen wahren Rausch aus Farben.

Am Morgen lässt er noch recht schüchtern seine Schönheit im Nebel verschleiern. Der Herbst lässt mich durch seinen Nebel wie durch Wolken wandern und holt damit sinnbildlich für mich ein Stück Himmel auf die Erde.

Ich liebe das Rascheln des Laubes, den wärmenden Tee und das Kreischen der Zugvögel.

Es hat fast schon etwas Meditatives, über die glatte Oberfläche einer Kastanie zu streichen.

Er lässt mich zur Ruhe kommen, nachdenken, Kraft schöpfen und ich merke, ich möchte ihn um mich haben und keinen Tag auf ihn verzichten.

Ich möchte ihn auskosten bis zur letzten Sekunde und meine Sehnsucht nach dieser für mich so magischen Zeit lindern.

 

Bei all dem Temperament des Herbstes, das nass und stürmisch unsere Haare zerzaust, kitzelt uns auch seine Sanftheit im Gesicht mit seinen warmen Sonnenstrahlen.

Er ist rau und mild zugleich, er ist eigenwillig und auch gönnend, er nimmt sich die Zeit, die er braucht und macht dann letztlich mit dem Fallen des letzten Blattes den Weg frei für den Winter.

 

Ich liebe dich, Herbst!