Eine Waldgeschichte

"Wir können nur schützen, was wir auch schätzen."

 

Dieser Satz stammt aus meiner Ausbildung und jetzt, fünfzehn Jahre später klingt er noch immer in mir nach.

 

Den heutigen Vormittag habe ich im Wald verbracht. Nicht ich alleine, nein, wir haben unser Sommerfest dort gefeiert und passend dazu durfte ich eine Geschichte dafür schreiben.

 

Auch wenn (oder gerade weil) es eine Kindergeschichte ist, möchte ich sie mit euch teilen.

 

Abgeleitet ist meine Geschichte vom Märchen "Die Holzklauberin".


 

 

 

 

 

 

 

Eine Geschichte aus dem Wald

 

Es war einmal eine arme Frau. Die Frau war so arm, sie hatte nicht einmal ein Stück Brot zu essen und sie war sehr hungrig.

 

"Wenn ich schon nichts zu Essen im Haus habe, so will ich wenigstens nicht frieren!", dachte die Frau und wollte Holz holen um ein wärmendes Feuer im Ofen zu entzünden.

 

Doch stellt euch vor, alles Holz war schon verbrannt und kein einziges Stämmchen übrig. Die Alte schaute ringsherum um sich aber sie fand noch nicht einmal einen trockenen Zapfen zum Verbrennen.

 

So machte sie sich auf in den Wald. Sie schaute rechts neben den Weg und links neben den Weg und sie ging tiefer und tiefer in den Wald hinein. Endlich fand sie einen Baum, dessen Rinde war spröde und angeknabbert. Als die Frau ihr kleines Beil hervorholte, schlich sich ein junges Reh heran und sah die Alte mit großen, traurigen Augen an.

 

"Diese Rinde hast du bereits abgeknabbert, stimmt`s? - Keine Sorge, ich werde dir deine Futterstelle nicht nehmen. Ich werde weiter suchen.", sagte die alte Frau und ging weiter. Das Reh aber folgte der Alten.

 

Nach einer Weile kamen die Frau und das Reh an den Rand einer Wiese. Hier und dort wuchsen wilde Kräuter und die Frau holte ihr Messer aus der Tasche, um sich von den Kräutern einige abzuschneiden, da hüpfte ein Hase heran. Ein Paar Blätter der Wildkräuter hingen noch aus den Mundwinkeln und er kaute fleißig darauf herum. "Ach!", seufzte die Frau, "Ich will dir von den Kräutern nichts nehmen. Iss du so viel du kannst, denn im Winter, wenn nichts wächst, wirst du genug leiden."

 

So machte sich die Alte daran, ihren Weg fort zu setzen. Das Reh aber und auch der Hase folgten ihr.

 

Vor einer hohen Tanne blieb sie stehen, holte erneut ihr Beil heraus, denn sie wollte sich einige Zweige abschlagen. Doch wie sie ausholte, fiel ihr Blick auf eine Baumhöhle im Stamm, aus der eine Eule mit ihren großen, runden Augen herausblickte. "Nein, nein, nein!", schimpfte die Frau mit sich selbst, "Wenn ich diese Zweige abschlage, wird die Höhle der Eule nicht länger geschützt sein. Ich möchte der Eule keiner Gefahr aussetzen."

 

Die alte Frau ging weiter. Das Reh aber und der Hase und auch die Eule folgten ihr.

 

Sie kamen zu einem vermoderten Baumstumpf. Den würde doch bestimmt keiner vermissen und er würde vielleicht für eine kurze Zeit ein wenig Wärme spenden, wenn sie ihn verbrannte. Sie hob den Baumstumpf ein wenig an und sofort kamen hunderte Ameisen darunter hervor.

 

"Du liebe Güte!", rief die Frau "der Baumstumpf ist ja euer Zuhause!". Also ließ sie den Baumstumpf dort und ging weiter.

Das Reh aber und der Hase und die Eule und auch die Ameisen folgten ihr.

 

Ein vertrockneter Baum stand am Wegesrand. Den würde doch nun sicher keiner mehr brauchen. Die Äste brachen beim bloßen Berühren schon ab. Doch mittendrin, geschützt von all den alten, vertrockneten Ästen, hatte sich eine Eichhörnchenfamilie ihr Nest gebaut. Papa Eichhörnchen schaute erschrocken zu der Frau. "Sch....geh zurück zu deiner Frau und deinen Kindern. Ich habe nicht gesehen, dass hier schon jemand wohnt." Die Alte ging weiter. Das Reh aber und der Hase und die Eule und die Ameisen und auch Herr Eichhörnchen folgten ihr.

Sie kamen an eine Lichtung. Dort wuchsen Pilze. Die Alte holte ihr Messer und freute sich schon, dass sie sich eine Suppe daraus zubereiten könne. Bevor sie jedoch auch nur einen einzigen Pilz abgeschnitten hatte, hörte man ein Grunzen. Ein Wildschwein stellte sich der Frau in den Weg.      "Na ich wusste doch nicht, dass diese Pilze bereits vergeben sind!", verteidigte sich die Frau und blickte ein wenig ängstlich auf die Hauer des Wildschweins. "Ich bin kein Dieb und werde auch diese Pilze nicht stehlen." Mit diesen Worten drehte sich die Frau um. Die Tiere rannten in alle Richtungen davon.

 

Nun wusste sie wirklich nicht mehr ein noch aus. Sie konnte doch den Tieren nicht ihr Zuhause oder ihr Futter wegnehmen. Sie setzte sich ins Gras und aus lauter Verzweiflung fing sie an zu weinen.

 

Wie sie da saß und schluchzte, hörte sie ein Knacken im Dickicht. Mit Tränen in den  Augen konnte sie das Reh erkennen. Es brachte der Frau ein großes Stück Rinde von seinem Futterbaum. Der Hase kam herbeigehoppelt und brachte ihr einige Wildkräuter. Die Eule hatte einen Tannenzweig im Schnabel und legte ihn vor der Frau ab. Die Ameisen trugen ein Stück Holz herbei und Herr Eichhörnchen holte 3 Haselnüsse aus seinem Versteck. Selbst das Wildschwein gab der alten Frau von den Pilzen ab.

 

Und so ist es . Keiner kann alles für sich alleine behalten. Um wirklich aus tiefem Herzen glücklich zu werden braucht es Geben und Nehmen.

 

Die alte Frau hat die Tiere und ihren Wald geschätzt und so musste sie an diesem Tag nicht weiter hungern und konnte sich ein wärmendes Feuer entzünden.